Animation: “Never Hide”

von Zoë Rachel Schütte | Sommersemester 2017 | Freie Universität Berlin

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English Abstract

Scientific studies are not objective. Within the knowledge industry my socialization influences my work. To be aware of that and to continuously acknowledge it, makes it possible to question postcolonial power structures.
The production, “Never Hide” is an animation, that undertakes the conflict between the prospects and boundaries to prevent the reoccurrences of these structures of power. Starting with inequality in the perception of the knowledge industry, which seems to be giving the Westerly academic literature a higher merit, the projects’ format and conversion is already perceived as a critical draft. The project description addresses the formation coherence, theoretical approaches to postcolonial discourse analysis from Gayatri Chakravarty Spivak, an interpretation of the animation and its expressiveness.

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Projektbeschreibung zur Animation „Never Hide“

Die Animation und die Projektbeschreibung lassen sich am ehesten als eine „Ordnung“ von Gedanken zu meinem persönlichen Umgang mit Machtstrukturen und der Reproduktion von Wissen beschreiben. Es handelt sich hierbei sicherlich nicht um eine „klassische wissenschaftliche Arbeit“, die theoretische Verbindungen knüpft. Gleichzeitig bin ich auch der Auffassung, dass die Weitergabe von Wissen über die Möglichkeiten eines sogenannten westlichen Standards hinausgehen sollte. Kunst und persönliche Erfahrungen, als Austausch von Wissen zu nutzen, kann dabei eine höhere Zugänglichkeit und Partizipation ermöglichen und die Kontinuität von Herrschaftsansprüchen in der Wissensreproduktion kritisieren. Diese persönliche Form der Auseinandersetzung mit der Thematik nehme ich daher auch als eine Art Experiment wahr: Meine Erfahrungen zum zentralen Bestandteil des Projektes zu machen und mit einem losen theoretischen Gerüst zu arbeiten, widerspricht einem sogenannten „akademischen Standard“. Mein sogenannter „Mehrwert“ liegt in der Hinterfragung meiner eigenen Position im Zusammenspiel von beziehungsweise dem Konflikt zwischen Möglichkeiten und Grenzen in der Vermeidung von Reproduktion jeglicher Machtverhältnisse. Ich befasse mich also mit einem Abschnitt in der wissenschaftlichen Auseinandersetzung, der der eigentlichen Produktion vorangestellt ist. Dabei ist der Prozess der Erarbeitung genauso entscheidend wie das Ergebnis selbst und hat eine große Aussagekraft über eine verbundene „intellektuelle Krise“.[1]  Gleichzeitig kann lediglich der momentane Ist-Zustand eingefangen werden.

Ich bin weiß und privilegiert. Das ist der Ausgangspunkt. Mir bewusst zu sein und damit einhergehende Machtstrukturen zu hinterfragen, prägt mein Verständnis von wissenschaftlichen Arbeiten. Mit einem Blick auf meine bisherige Entwicklung im universitären Kontext lässt sich rückblickend feststellen, dass mit der Vertiefung insbesondere von Poststrukturalismus im Zusammenhang mit „decolonial theories“ auch die eigene Positionierung in Abhängigkeit von meiner Sozialisierung[2] und der Distanzierung von Wissenschaft als Objektivität eine wachsende Rolle spielen. Mit dem Bewusstsein, dass mein Zugang zu Wissen begrenzt und selektiv ist, und dass produziertes Wissen nicht im luftleeren Raum vermittelt wird, sondern immer in seinem Entstehungszusammenhang und Kontext betrachtet werden sollte.

Während dieses Bewusstsein zunächst den Rahmen meines Umgang mit wissenschaftlichen Arbeiten setzte, dominieren momentan zunehmend folgende Fragen: Ist diese kritische Selbstreflexion lediglich eine vielversprechende Verpackung, wenn der Inhalt auf Machtstrukturen aufbaut und diese reproduziert werden können? Begrenzt mich diese Einstellung in meinen Handlungsoptionen? Was darf ich aussprechen? Für wen darf ich sprechen?

In der Praxis entstehen beispielsweise folgende Konfrontationen: Für Jugendliche des globalen Nordens gibt es zahlreiche Möglichkeiten ein Freiwilliges Soziales Jahr (FSJ) in einem Land des globalen Südens zu absolvieren. Das vorhandene Ungleichgewicht im „internationalen Kultur- und Wissensaustausch“ als Repräsentation historisch bedingter Machtverhältnisse durch Kolonialismus ist einem FSJ im globalen Süden inhärent. Mein Selbstverständnis und die Identifizierung postkolonialer Strukturen würde die Teilnahme an einem Programm nicht nur kritisieren, sondern auch nicht akzeptieren.

Bezüglich der Wissensproduktion im „klassischen“ Sinne lässt sich beispielsweise hinterfragen, warum ich als weiße, privilegierte Europäerin über sogenannte „favelas“ (bevorzugte Bezeichnung: comunidades) in Rio de Janeiro schreibe. Zeigt mein Interesse an diesem Thema nicht die Machtstrukturen hinter spezifischen Problemwahrnehmungen in der Welt mit einem Fokus auf Länder des globalen Südens. Allein, dass mir eine Vielzahl an Literatur englischer und sogar deutscher Sprache zu den Themen zugänglich ist, zeigt die historisch bedingte Dominanz ehemaliger Kolonialmächte. Ähnlich wie diese zwei Beispiele können viele Ereignisse in meinem Leben dekonstruiert werden. Vor diesem Hintergrund ist die Animation entstanden. Während ich zunächst in Foucaults theoretischen Erläuterungen zu Poststrukturalismus das Fundament für mein wissenschaftliches Arbeiten gesehen habe, kann der Einfluss postkolonialer Kritik an seinem Konzept die Überschneidung von „lediglich“ kritischem Bewusstsein und abgeleiteter „Handlungseinschränkung“ beschreiben. Foucault bietet mit seiner Diskursanalyse ein theoretisches Konzept an, dass das Subjekt in seinen historischen Kontext einbindet. Diskurse werden vom Subjekt konstituiert und konstituieren gleichzeitig das Subjekt. Durch Wiederholung entstehen Macht- konstellationen (Dispositive), deren Besonderheit in ihrer veränderbaren Konstellation politischer, kultureller, sozialer, … Zusammenhänge liegt. Wissen als „die Wahrheit“ gibt es demnach nicht und der Wissenschaftler_die Wissenschaftlerin als Produzent_in von Wissen ist nicht der Ausgangspunkt.[3]

Gayatri Chakravorty Spivak kritisiert in ihrem Essay „Can the Subaltern speak?“ jedoch Foucaults verkürzte Sicht auf den postkolonialen Zusammenhang der Konstitution des Subjekts. Spivak führt eine Argumentationskette an, die an dieser Stelle in ihrer Komplexität nur verkürzt, durch viel Textwiedergabe und Zitation wiedergegeben werden kann. Entscheidend sind jedoch die Folgen, die sich daraus ergeben. Aus der Ignoranz der Hinterfragung systematischer Ideologie heraus kann sich keine Unterscheidung von Interessen, Macht und Begehren ableiten. Genauso wie die Einbeziehung des Verhältnisses zwischen dem globalen Kapitalismus und nationalstaatlichen Allianzen sowie Imperalismus eine Unterscheidung der Repräsentationsformen Vertretung und Darstellung nach sich ziehen müsste, um die Verhärtung von Machtkonstellationen zu verstehen. Mit der fehlenden Thematisierung dieser Zusammenhänge argumentiert Foucault in einer Tradition des Westens, die zur Reproduktion von Machtverhältnissen verleitet, indem sie die Geschichte des Subjekts unberührt lässt.[4]

Spivak erwähnt, dass „(…) die Aufgabe, die sich dem Wissenssubjekt der Ersten Welt in unserem historischen Augenblick stellt, darin besteht, sich der ,Assimilierung’ erfolgenden „Anerkennung“ der Dritten Welt zu widersetzen und sie zu kritisieren“.[5]
Im Nachhinein betrachtet, nimmt folgendes Zitat aus Spivaks „Can the Subaltern Speak?“ einen großen Anteil an dem Entstehungsprozess und der Umsetzung meines Projektes ein und beschreibt in anderer Form, was ich umzusetzen versucht habe:

„(Die) unzugängliche Leere (Denken), umschrieben durch einen interpretierbaren Text, ist es, was postkoloniale KritikerInnen des Imperialismus innerhalb der europäischen Einhegung als den Ort der Produktion von Theorie entwickelt sehen möchten. Postkoloniale KritikerInnen und Intellektuelle können nur dadurch versuchen, ihre eigene Produktion zu verschieben, dass sie diese dem Text eingeschriebene Leere voraussetzen“ (Spivak, Steyerl, Joskowicz, & Nowotny 2008: 71).

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Es folgt meine Interpretation der Animation „Never Hide“. An dieser Stelle empfehle ich, das Video zunächst anzuschauen, um die Möglichkeit zu nutzen sich ,unabhängig von meiner Perspektive, ein eigenes Bild zu machen.

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Die Animation thematisiert durch Abstraktion den Gewissenskonflikt zwischen Möglichkeiten und Grenzen bei dem Versuch der Vermeidung von Reproduktion jeglicher Machtverhältnisse. Die Materialien setzen sich aus Ausschnitten von Zeitungen, einem Polaroid-Foto[6] und einem Video von National Geographic[7], aus dem ich eine Montage erarbeitet habe, zusammen. Die Zeitungsausschnitte habe ich eingescannt, mit einem Bildbearbeitungsprogramm editiert und in einem Videoschnittprogramm zusammengefügt.
Ich habe bei der Umsetzung bewusst auf Sprache und Schrift verzichtet, um einerseits eine größere Partizipation zu ermöglichen und andererseits den Interpretationsrahmen so offen wie möglich zu lassen. Ich habe mit der Umsetzung der Animation begonnen, ohne vorher ein Skript ausgearbeitet zu haben. Vielmehr baute eine Überlegung auf der nächsten auf und ließ somit den Verlauf und das Ende beim Entstehungsprozess variabel.

Die Animation beginnt mit der Rückansicht einer Person und soll den persönlichen Bezug schaffen. Aus der Person heraus blühen Lilien auf, die das Heranwachsen von Erfahrungen und Wissen symbolisieren. Das Ansammeln der Blumen steht für die diversen Möglichkeiten die aus diesem Wissen entstehen. Der Wendepunkt in der Animation besteht in dem Zusammenklappen der Blumen. Der farbliche und dimensionale Kontrast zu dem Blumenbeet zeigt die Grenzen von herrschaftsfreiem Wissen. Mit steigender Dekonstruktion ergeben sich auch weitere Begrenzungen. Die Animation verweilt einen Moment in dem zusammengeklappten Papier, bevor es sich wieder aufklappt. Anstelle der Blumen öffnet sich jedoch ein Schrei, der von dem Farbkontrast der beiden Szenarien umgeben ist. Der Schrei kann alles zugleich sein: Befreiung, Wut, Hilfe, Angst oder Mut. Die Animation endet mit ihrem Titel: „Never Hide“. Ich habe versucht die Stimmung eines offenen Endes zu kreieren. Die Hoffnung eine Antwort auf den Konflikt zwischen Möglichkeiten und Grenzen wurde nicht erfüllt. Nach meiner Reflexion habe ich zunächst keine Antwort für meine Selbstwahrnehmung im wissenschaftlichen Diskurs gefunden.

Die Einbindung von Spivaks Überlegungen zu Poststrukturalismus haben mir aber gezeigt, dass mein kritisches Selbstverständnis nicht auf der „substanzielle Sorge um die Politik der Unterdrückten“[8] aufbauen darf. Oder in anderen Worten: „(…) (D)ie Aufgabe (…) besteht nicht darin, das autistische ,Für-sich-selbst-Sprechen’ der einzelnen Subjekte zu verstärken, sondern vielmehr darin, ihr gemeinsames Schweigen zu hören“.[9] Gleichzeitig kehrt dieser Prozess der kritischen Einordnung mit anderen und neuen Wissenszugängen immer wieder[10], sodass sich die Animation metaphorisch in einer Endlosschleife abspielen lassen könnte.
Der Titel des Projektes „Never Hide“ versteht sich auch als eine Art persönliche Anleitung: Sich selbst kritisch in den Kontext einzubeziehen und Machtstrukturen zu hinterfragen, darf nicht dazu führen Themen unberührt zu lassen. Die Animation hilft mir dabei mich nicht im „grauen zusammengeklappten Papier“ zu verstecken, sondern den Konflikt der Produktion von Wissen mit seinen Machtstrukturen zum Bestandteil meiner täglichen Begegnungen und meiner Arbeiten zu machen:

„Ein Lernen zu erlernen, ohne diese verrückte Suche nach schnellen Lösungen, die Gutes bewirken sollen und mit der impliziten Annahme einer sich über ungeprüfte Romantisierungen legitimierenden kulturellen Überlegenheit einhergehen: das ist die Schwierigkeit.“[11]

Literarurverzeichnis

Pias, C. (n.d.). Poststrukturalistische Medientheorien (Vol. Bd. 2424, Uni- Taschenbücher). UVK Verl.-Ges.

Spivak, G., Steyerl, H., Joskowicz, A., & Nowotny, S. (2008). Can the subaltern speak? : Postkolonialität und subalterne Artikulation / Gayatri Chakravorty Spivak. Aus dem Engl. von Alexander Joskowicz und Stefan Nowotny. Mit einer Einl. von Hito Steyerl.. Can the subaltern speak? <dt.> (BV035420674 Es kommt darauf an 6). Wien [u.a.]: Turia + Kant.

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[1] Ein Interview zwischen Gayatri Chakravarty Spivak, Donna Landry und Gerald Maclean hat mich ermutigt offen meine Krise / Krisen in der wissenschaftlichen Auseinandersetzung und schlussendlich (Re)Produktion von Wissen zu thematisieren. Spivak erörtert den Entstehungszusammenhang von ihrem Essay „Can the Subaltern Speak?“ und den „unkontrollierten Aufbau“ mit „einer Art intellektuelle(n) Krise“ (Spivak, Steyerl, Joskowicz, & Nowotny 2008: 120).

[2] Sozialisierung soll sich hier von Identität abgrenzen. Spivak weist daraufhin, dass „Identitätsansprüche politische Manipulationen von Leuten (darstellt), die eine bestimmte Eigenschaft miteinander teilen; sie bilden eine Art appellatives Konzept, das dazu aufruft, eine bestimmte Rolle einzunehmen“ (Spivak, Steyerl, Joskowicz, & Nowotny 2008: 130). Sozialisierung umschreibt eher den Umstand, dass durch meine Entwicklung als Persönlichkeit samt Interaktionen in und mit meiner Umwelt, Machtregime erhalten bleiben (können), trotz einer bewussten Vermeidung der Reproduktion (vgl. Spivak, Steyerl, Joskowicz, & Nowotny 2008: 136; zu Rassismus).

[3] vgl. Pias (n.d.): 3-4.

[4] vgl. Spivak, Steyerl, Joskowicz, & Nowotny 2008: 17-73.

[5] Spivak, Steyerl, Joskowicz, & Nowotny 2008: 68.

[6] Dieses Foto stammt aus einem Kalender der Firma Polaroid und wurde von Janina Fleckhaus aufgenommen.

[7] National Geographic (2014). Time-Lapse Watch Flowers Bloom Before Your Eyes Short Film Showcase. In: https://www.youtube.com/watch?v=LjCzPp-MK48, 18.07.2017.

[8] Spivak, Steyerl, Joskowicz, & Nowotny 2008: 67.

[9] Spivak, Steyerl, Joskowicz, & Nowotny 2008: 16.

[10] Während sich meine Selbstreflexion momentan stark mit der Frage „Wer spricht für wen? / Wer darf für wen sprechen?“ auseinandersetzt, führt Spivak an, dass dies vermeintlich der falsche Ausgangspunkt ist und stattdessen nach „Wer arbeitet für wen?“ gefragt werden sollte (vgl. Spivak, Steyerl, Joskowicz, & Nowotny 2008: 134). Mich mit dieser Frage an anderer Stelle auseinanderzusetzen, spiegelt für mich den Prozess eines fortlaufenden Hinterfragens und In-Frage-Stellens wider.

[11] Spivak, Steyerl, Joskowicz, & Nowotny 2008: 129.

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