Sprache und Identität für Chinua Achebe, Amin Maalouf, Ngugi Wa Thiong’O und Mahmoud Darwish

 

von Iman Kanaan | Sommersemester 2017 | Freie Universität Berlin

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1. Einleitung

1.2 Problemstellung

Die geschichtlichen und jetzigen Erfahrungen und Wahrnehmungen des Kolonialismus erfordern die dringende Thematisierung und Problematisierung von Sprachen. Dieses Thema ist zu einem Erkennungsmerkmal vieler postkolonialer Werke des 20. Und 21. Jahrhunderts geworden. Ich werde mich in meiner Referatsausarbeitung auf das Problem, in welcher Sprache Schriftsteller_innen schreiben, sowie auf Sprache als Gesamtheit sozialer und kultureller Identität beziehen. Einige Denker_innen behaupten, Sprache und Kultur seien eins, weil man mit dem Lernen einer Sprache sich auch ein bestimmtes Weltbild aneigne. Wenn das der Fall sein sollte, dann sollten moralisch gesehen postkoloniale Autoren_innen nicht in den Sprachen der ehemaligen Kolonialherren schreiben, weil sie sonst deren Kultur aufnähmen. Es ist nicht überraschend, dass es keinen Konsens darüber gibt, in welcher Sprache postkoloniale Autoren_innen schreiben sollen. In den letzten beiden Jahrzenten wurde die Bedeutsamkeit von Literatur in Muttersprachen von Schriftstellern_innen aus postkolonialen Staaten hervorgehoben. Diese kritischen und soziopolitischen Stimmen weisen darauf hin, dass die Weiterübernahme von Französisch und Englisch als nationale Sprachen in postkolonialen Staaten zu einem kulturellen Anpassungsprozess der Gesellschaft führe und sie deswegen nicht mehr gelten sollte. Im ersten Teil meines Beitrages werde ich die Meinungen und Argumente von Chinua Achebe und Amin Maalouf präsentieren, die der Meinung vertreten, dass Autoren_innen aus postkolonialen Staaten in den Sprachen ihrer ehemaligen Kolonialherren schreiben können. Dabei wird sich bereits die Gegenposition von Ngugi wa Thiong’O und Mahmoud Darwish stellen, die ich im zweiten Teil vorstellen werde. Im Fazit werde ich meine Ergebnisse zusammenfassen und eine Stellung nehmen.

1.2 Forschungsstand

Ich habe mich dafür entschieden die Meinungen von vier postkolonialen Autoren vorzustellen, von denen zwei für die Verwendung der Sprache der ehemaligen Kolonialherren sind und zwei dagegen. Der erste Autor, der nur auf Englisch schrieb, ist der nigerianische Chinua Achebe, 1930 in Ogidi geboren. Ich werde mich zum Teil auf seinen Artikel English and the African Writer beziehen sowie auf Positionen von ihm, die in verschiedener Literatur aufgeführt werden. Ein weiterer wichtiger Autor ist der libanesisch-französische Autor Amin Maalouf, 1949 in der Nähe von Beirut geboren, der seit seinem Aufenthalt in Frankreich, 1976, nur noch auf Französisch schreibt. Hier werde ich mich auf sein Essay Les Identités Meurtières konzentrieren. Der dritte Autor ist Ngugi Wa Thiong’O, der seine Meinung in seiner individuellen künstlerischen Entwicklung widerspiegelt. Im Gegenteil zu Maalouf, publiziert er seit 1977 nur noch in seinen Muttersprachen Gikuyu und Kiswahili und nicht mehr in Englisch. Sein Essay Decolonising the Mind untersucht den kolonialen Aspekt der Verwendung europäischer Sprachen von Bewohnern_innen der ehemals kolonisierten Länder. Als letztes werde ich einen Auszug aus dem Gedicht A Rhyme for the Odes vom palästinensischen Dichter Mahmoud Darwish, 1941 in al-Birwa geboren, vorstellen. Hierbei soll beachtet werden, dass alle Autoren eine subjektive Herangehensweise wählen.

2. Postkoloniale Autoren_innen können in den Sprachen der ehemaligen Kolonialherren schreiben

2.1 Chinua Achebe

Chinua Achebe verurteilt die Tendenz der afrikanischen Intellektuellen Flucht im sprachlichem Universalismus zu suchen, weil sie Angst davor hätten ausgegrenzt und benachteiligt zu werden. Er sagt: „running away from oneself seems to me a very inadequate way of dealing with an anxiety”[1] und betont daraufhin die Rolle der Autoren_innen diese Herausforderung zu überwältigen. Achebe entschied sich aber trotzdem dafür nur auf Englisch zu schreiben, da er diese Sprache gelernt habe und er sie somit anwenden möchte. Gleichzeitig sieht er keinen anderen Ausweg als auf Englisch zu schreiben, da die englische Sprache eine besondere Position in der Literatur einnehme.[2] Achebe fügt hinzu, dass postkoloniale Schriftsteller_innen die englische Sprache neugestalten und kreativ einsetzen würden.[3] Er Vertritt somit die Meinung, dass Sprache und Kultur auseinandergetrennt werden müssen.[4] Des Weiteren sieht Achebe Englisch als einziger Kommunikationssprache in seinem Heimatland Nigeria, was die Dominanz der Nationalliteratur in englischer Sprache begründe und ein Teil der Realität sei. Er sagt, dass die Einführung der englischen Sprache durch die britische Kolonialmacht positiv zu bewerten sei, da sie die Einheit der nigerianischen Bevölkerung bewirkt habe. Da Englisch die Nationalsprache Nigerias sei, sei es auch am vorteilhaftesten, wenn Autoren_innen diese Sprache verwenden würden. [5] Auf den Vorwurf, dass Autoren_innen niemals eine Zweitsprache genauso gut anwenden können wie ihre Muttersprache, antwortet er mit dem Hinweis auf erfolgreiche afrikanische Autoren_innen, die in ihrer Zweitsprache schreiben.[6] Zum Schluss betont Achebe, dass das Ziel postkolonialer Autoren_innen, die in einer Weltsprache schreiben, nicht die Verwendung dieser Sprache wie die Muttersprachler_innen sei, sondern der kreative Einsatz der Sprache. Diese Pluralität der Anwendung sei Voraussetzung für den Erfolg einer Weltsprache.[7] Dass afrikanische Autoren_innen in den Sprachen ihrer Kolonialherren schreiben, sei ein unvermeidbarer Prozess der Kolonialisierung. Es sei nicht möglich, auch wenn er sich das wünsche, dass ein Mensch alle ethnischen Sprachen Nigerias beherrschen könne. Somit sei es natürlich, dass diese Sprachen für immer im Schatten der Weltsprachen stehen würden.[8] Trotz allem wünscht er sich, dass die Weiterexistenz von Literatur in ethnischen Sprachen sichergestellt wird.[9]

2.2 Amin Maalouf

Ein Teil von Maaloufs Essay Les Identités Meurtrières widmet sich dem Thema Sprachen. Er sieht die Sprachenvielfalt bedroht, da bestimmte Sprachen von Gemeinschaften nicht mehr praktiziert werden. Hierbei meint er nicht nur die Sprachen von Minderheiten, sondern auch alle Sprachen der Welt, die alle besonders und einzigartig seien.[10] Dies müsse man sich bewusst sein und um die Bedrohung zu bekämpfen, sei ein intellektuelles sowie finanzielles Engagement für die betroffenen Sprachen notwendig.[11] Für Maalouf habe eine Sprache, im Vergleich zu einer Religion, die Eigenschaft inklusiv zu sein, das heißt man könne viele Sprachen praktizieren, was bei Religionen nicht möglich sei. Des Weiteren dienen Sprachen als Mittel der Kommunikation und der Identitätsbildung.[12] Eine Sprache sei außerdem eines der wichtigsten und maßblichen Merkmale der Identität und der Kultur und somit nicht von ihnen zu trennen. Eine Identitätsstiftende Sprache sei für jeden Menschen notwendig und es sei gefährlich einer Person ihre Sprache zu entziehen, da es ihre gesamte Persönlichkeit stören würde. Als Beispiel dazu nennt er das Land Algerien, wo die Kolonialmacht die Einheimischen gezwungen habe das Französische zu lernen ohne ihnen im Gegenzug die französische Staatsbürgerschaft zu geben. Dies habe eine Frustration bei der algerischen Bevölkerung verursacht, die wiederum einen Fanatismus, der bis heute andauert, ausgelöst hätte.[13] Maalouf betont, dass jeder Mensch das Recht darauf habe innerhalb seiner Identität, mehrere sprachliche Zugehörigkeit zu integrieren.[14] Er schlägt einen Drei-Etappen Plan vor um dies zu erreichen. Als Erstes solle jeder Person das Recht auf die Bewahrung und die Verwendung der Muttersprache garantiert werden.[15] Als Zweites erwähnt er die Befürchtung der nicht-englischsprachigen Bevölkerung vor der zunehmenden Wichtigkeit des Englischen als Weltsprache durch die zunehmende Globalisierung. Der Autor sieht aber den Kampf gegen den Aufstieg des Englischen als unsinnig und hoffnungslos. Stattdessen sollen die Menschen ihre nationalen und ethnischen Sprachen pflegen und sich um ihre Aufrechterhaltung bemühen. Er fügt hinzu, dass die englische Sprache alleine nicht ausreichend sei, da sie keine identitätsfördernde Sprache ersetze.[16] Als Letztes schlägt er vor, dass jede Person zusätzlich zu ihrer Muttersprache und zum Englischen, eine Sprache ihrer Wahl lernen solle. Diese Sprache sei meistens eine europäische Sprache.[17] Es stellt sich am Ende die Frage, warum Maalouf, der so viel Wert auf die Erhaltung einer Muttersprache legt, nicht mehr auf Arabisch schreibt, obwohl er früher im Libanon für eine arabische Zeitung geschrieben hat. Er gibt mehrere Antworten auf diese Frage. Erstens, sei die französische Sprache mit seinem Umzug nach Frankreich notwendig für seine Arbeit und für die Kommunikation mit den Menschen geworden. Zweitens sei das Schreiben auf Französisch ein natürlicher Prozess gewesen, da die Sprache vollständig in sein Leben eingedrungen sei und er dies zugelassen hätte, da er voll und ganz in Frankreich leben wollte und nicht am Rande der Gesellschaft. Des Weiteren wolle er sich in der Sprache der Menschen zum Ausdruck bringen, unter denen er lebt. Als letztes nennt er seine schon immer existierende Liebe und Bewunderung für Frankreich und den Geist der Freiheit dort.[18] In einem Interview behauptet er sogar, dass Französisch, im Vergleich zu Arabisch, eine Sprache der Freiheit sei.[19]

3. Postkoloniale Autoren_innen sollten nicht in den Sprachen der ehemaligen Kolonialherren schreiben

3.1 Ngugi Wa Thiong’O

Wa Thiong’o sowie viele andere postkoloniale Autoren_innen stecken in einem Dilemma: sie beherrschen die Kolonialsprachen perfekt, wissen aber, dass sie ihren Vorfahren_innen aufgezwungen worden sind. Sie fragen sich, ob sie als Reaktion darauf diese Sprachen nicht mehr verwenden sollten, oder ob sie es weiterhin tun sollten um ihre Nachricht an eine möglichst große Leserschaft zu übermitteln, dabei jedoch einer fremden Kultur dienen.[20] In seinem Essay nennt Wa Thiong’O viele Gründe für seine Entscheidung in seinen Muttersprachen Gikuyu und Kiswahili zu schreiben. Die Kolonialentfremdung habe die Kolonisierten von der Realität distanziert, indem ihre Sprache, Kultur und damit Identität ausgelöscht worden seien.[21] Der Kolonialismus habe mit der Verdrängung der einheimischen Sprachen versucht seine Macht zu festigen, indem er den Glauben eines Volkes an seine Sprachen vernichtete.[22] Als Kind wurde der Autor einer körperlichen Strafe unterworfen, wann immer er seine Muttersprache in der Schule sprach. [23] Die Identität von Wa Thiong’Os Gikuyu sei somit verloren gegangen. Die Literatur, die von den afrikanischen Kleinbürgern_innen in europäischen Sprachen produziert wurde, erhielt die Identität der afrikanischen Literatur und unterbrach die Tradition afrikanischer Literatur in afrikanischen Sprachen. Nur die Bauernschaft bemühte sich um die Erhaltung der einheimischen Sprachen.[24] Der zweite Schritt nach der Trennung von der eigenen Sprache und Kultur sei die Identifizierung mit der fremden Sprache und Kultur der Kolonisatoren_innen gewesen.[25] Das Bildungssystem nach der Unabhängigkeit sei beispielsweise ein Erbe des Kolonialismus gewesen, da das Lernmaterial von einer englischen Literaturtradition dominiert gewesen sei, die zusätzlich noch von englischen Lehrern_innen unterrichtet worden sei. So lernten die Schüler_innen nichts über ihre einheimische Literatur, was zu einer Verzerrung ihrer Selbstwahrnehmung führe.[26] Aus diesem Grund beschreibt Wa Thiong’O Sprache als „most important vehicle through which that power fascinated and held the soul prisoner.. The bullet was the means of the physical subjugation. Language was the means of the spiritual subjugation.”[27] Wa Thiong’O kritisiert außerdem die Benachteiligung der nicht auf Englisch schreibenden Autoren_innen, die zum Beispiel von der „Conference of African Writers of English Expression“, ausgeschlossen worden seien. Er bemängelt, dass es zahlreiche von ihnen gibt, die nicht genug Anerkennung bekommen würden. Als weiteres Argument gegen das Schreiben in den Sprachen der alten Kolonialherren gibt er an, dass Schriftsteller_innen, die dies tun würden, nicht an die Menschen im eigenen Kulturkreis gelangen können und erst recht dann nicht, wenn sie diese Sprache nicht verstehen, was zu einer Distanzierung von ihnen führen würde.[28] Des Weiteren argumentiert er, dass er beim Schreiben in einer Fremdsprache das ursprüngliche Narrativ aus den Augen verlieren würde.[29] Der letzte Grund, weswegen er sich entschieden hat in seiner Muttersprache zu schreiben, ist sein Wille mit seiner Kultur durch die Sprache in Verbindung zu bleiben, da er außerhalb seiner Heimat lebt.[30] Als Lösungsweg gegen das Aussterben aller bedrohten Sprachen schlägt er vor, dass „The classes fighting against imperialism even in its neo-colonial stage and form, have to […] speak the united language of struggle contained in each of their languages.”[31] Dabei sollen sie weitere Sprachen lernen und den Wert von anderen Kulturen erkennen, ohne sich jedoch dabei von der eigenen Kultur, Sprache und Identität zu entfernen oder sich vor sie zu schämen.[32] Als letztes empfiehlt er Autoren_innen, die in afrikanischen Sprachen schreiben, ihre Werke in europäischen Sprachen möglichst wortgetreu zu übersetzen. So würde die Authentizität der afrikanischen Werte und Kultur in den Werken erhalten bleiben.[33] 

3.2 Mahmoud Darwish

Ich würde gerne die Referatsausarbeitung mit einem Auszug aus dem Gedicht A Rhyme for the Odes vom Dichter und Aktivist Mahmoud Darwish beenden, da es meiner Meinung nach, viel über Sprache und Identität aussagt.

„Who am I? This is a question that others ask, but has no answer.

I am my language, I am an ode, two odes, ten. This is my language.

I am my language. I am words’ writ: Be! Be my body!

And I become an embodiment of their timbre.

I am what I have spoken to the words: Be the place where

my body joins the eternity of the desert.

Be, so that I may become my words.

No land on earth bears me. Only my words bear me,

a bird born from me who builds a nest in my ruins

before me­, and in the rubble of the enchanting world around me.

I stood on the wind, and my long night was without end.

This is my language, a necklace of stars around the necks

of my loved ones.“[34]

In diesem Gedicht macht Darwish deutlich, dass Sprache die Identität definiert. Da er lange im Exil gelebt hat und nicht die Möglichkeit hatte in seinem Heimatland anwesend zu sein, hat er versucht seine verlorene Heimat und Identität durch das Schreiben in seiner Muttersprache wiederherzustellen.[35] Darwish lebte bis 1970 in Israel, wo er zu der palästinensischen Minderheit gehörte. In Nazareth besuchte er die Schule und lernte Hebräisch. Er hatte eine gute Beziehung zu der hebräischen Sprache und auch zu Israelis. Er schätzte seine ehemalige israelische Lehrerin Shoshana sehr: „She saved me from the hell of hatred (…) Shoshana taught me to read the Bible as a literary production and she taught me to study Bialik not for his fervour in his political engagement but for his poetic commitment (…) Shoshana saved me from the hatred that the military regime has created inside me. She destroyed the walls erected by this regime.“[36] Hebräisch ist die dominierende Sprache in Israel und obwohl sie nicht die Muttersprache der Palästinenser_innen ist, sind sie als Minderheit gezwungen sie zu lernen um im Land überleben zu können. Arabisch zu sprechen zeigt sich sogar in einigen Situationen als unvorteilhaft, da es zu Benachteiligungen führen kann. Trotz allem ist Hebräisch ein Bestandteil von Darwishs Identität. In einem Interview sagte er, Hebräisch sei „not the language of the conqueror, because I spoke it as a language of love.“ Trotzdem existiere eine asymmetrische Beziehung zu den Menschen, die diese Sprache sprechen, da sie „all represent the Jewish state, while he is the Arab subject.“[37] Dies könnte einer der Gründe sein, weshalb Mahmoud Darwish sich dafür entschieden hat auf Arabisch zu schreiben, während andere palästinensische Autoren_innen das Hebräische bevorzugen.

4. Fazit und Ausblick

Ich habe mich für diese Fragestellung entschieden, da ich denke, dass die Entscheidung eines/er Autors/in für eine Sprache ernst genommen werden sollte. Ähnlich wie Wa Thiong‘O, bin ich der Meinung, dass Autoren_innen in ihren Muttersprachen schreiben sollten. Dies ist jedoch schwer, wenn man außerhalb seines Heimatlandes lebt, da für einem das Lernen der Sprache des Aufnahmelandes an erster Stelle steht, um sich in diesem Land integrieren zu können. Dass einige Autoren_innen in ihrem eigenen Land, vor Allem wenn es ein Land ist, das eine ehemalige Kolonie oder ein Mandatsgebiet war, in der Sprache ihres ehemaligen Kolonialherren schreiben, ist für mich jedoch nicht nachvollziehbar. Aus meiner Erfahrung im Libanon, konnte ich feststellen, dass einige Eltern ausschließlich auf Englisch oder Französisch mit ihren Kindern kommunizieren, was ziemlich unlogisch ist, wenn man in dem Land wohnt. Was mich am Meisten daran stört ist, dass diese Eltern dazu beitragen, dass eine Sprache und eine Kultur verloren gehen und eine der vielen Identitäten der Kinder verdrängt wird um sie durch eine andere zu ersetzen.

Alle Autoren, die hier vorgestellt worden sind, haben ihre Heimatländer verlassen, trafen jedoch unterschiedliche Entscheidungen bezüglich der Sprache, in der sie schreiben wollten. Darwish und Wa Thiong’O schrieben in ihren Muttersprachen, weil sie mit ihren Heimatländern verbunden bleiben wollten. Maalouf und Achebe entschieden sich für die ehemaligen Sprachen der Kolonialherren, nämlich Französisch und Englisch. Dabei wechselten beide Wa Thiong’O und Maalouf die Sprache, in der sie schrieben.  Wa Thiong’O schrieb erstmal auf Englisch, dann auf Gikuyu und Swahili und Maalouf erstmal auf Arabisch und dann Französisch. Achebes Argument der Einführung des Englischen als positiven Aspekt des Kolonialismus ist für mich bedenklich, da die Schaden der Kolonialisierung deutlich überwiegen. Maalouf schlägt vor, dass das Beherrschen der Muttersprache und der globalen Sprache, im Moment Englisch, nicht ausreichend sei und dass man darüber hinausgehen solle, indem man zusätzlich noch eine Sprache „des Herzens“, also eine Sprache nach seiner Wahl, lerne. Den Vorschlag, dass diese Sprache idealerweise eine europäische sein sollte, finde ich unvorteilhaft und leicht eurozentrisch. Seine Behauptung, Frankreich sei das Land der Freiheit, finde ich naiv, da Frankreich ein neokolonialistischer Staat ist und Französisch genauso wenig eine Sprache der Freiheit ist wie Arabisch, da beide Sprachen vielen Menschen aufgezwungen worden sind. Maalouf schreibt auf Französisch um sich seiner Umgebung anzupassen, was sehr verständlich ist. Außerdem ermöglichte ihm das Schreiben auf Französisch den Eintritt in die Académie Française, eine sehr elitäre Gelehrtengesellschaft in Frankreich, die ihm viel Popularität brachte. Wa Thiong’O scheint einen Weg gefunden zu haben, mit dem er seine kulturelle Identität und seine Muttersprache beibehalten kann, während er außerhalb seines Heimatlandes lebt. Seine Entscheidung nicht auf Englisch zu schreiben ist politisch, da mit einer Sprache auch ein bestimmtes Weltbild vermittelt werden würde. Wer daher in einer Kolonialsprache schreibe, bleibe ein Gefangener des Weltbilds der Kolonialherren. Seine Herangehensweise in der Muttersprache zu schreiben und dies anschließend in eine Weltsprache zu übersetzen, stellt eine gute Lösung für mich dar. Darwish ist meiner Meinung nach ein Beweis dafür, dass man erfolgreich sein kann ohne in einer Fremdsprache schreiben zu müssen. Seine Werke wurden in mehrere Sprachen übersetzt und konnten somit ein großes Publikum erreichen.

Sprache ist nicht nur ein Kommunikationsmittel, sondern auch eine Lebensform. Mit der Verwendung von kolonialen Sprachen werden Machtbeziehungen und soziale Strukturen reproduziert und bestimmte Weltbilder konstruiert, in diesem Fall westliche und eurozentrische Weltbilder. Das Fehlen postkolonialer Literaturen im europäischen Diskurs wird überspielt durch die Anerkennung einiger frankophoner und englischsprachiger Werke. Was ich aus der Auseinandersetzung mit diesem Thema mitnehme, ist, dass die Erhebung des Problems der Kolonialsprachen eine entscheidende Methode zur endgültigen Besiegung von Kolonialismus ist.

Literaturverzeichnis

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[1] Achebe, Chinua: `Africa and her Writers’ in Morning Yet on Creation Day, S. 27. In:  Wa Thiong’O, Ngũgĩ: Decolonising the mind: the politics of language in African literature. Harare: Zimbabwe Publishing House, 1987, S. 29

[2] Vgl. Wa Thiong’O, Ngũgĩ: Decolonising the mind: the politics of language in African literature. Harare: Zimbabwe Publishing House, 1987, S. 7

[3] Vgl. Bredella, Lothar: Literarisches und interkulturelles Verstehen. Tübingen: Narr, 2002, S. 128

[4] Vgl. ebd. S. 336

[5] Vgl. Achebe,Chinua: English and the African Writer. Indiana University Press on behalf of the Hutchins Center for African and African American Research at Harvard University, 1965, S.28

[6] Vgl. ebd. S. 28 f.

[7] Vgl. ebd. S. 29

[8] Vgl. ebd. S. 28

[9] Vgl. ebd. S. 30

[10] Vgl. Maalouf, Amin: Les Identités Meurtrières, Paris: Grasset & Fasquelle, 2008, S. 150

[11] Vgl. ebd. S. 151

[12] Vgl. ebd. S. 152 f.

[13] Vgl. ebd. S. 153 f.

[14] Vgl. ebd. S. 156

[15] Vgl. ebd. S. 155

[16] Vgl. ebd. S. 158 f.

[17] Vgl. ebd. S. 162

[18] Vgl. Asholt, Wolfgang und Ette, Ottmar: Literaturwissenschaft als Lebenswissenschaft. Programm – Projekte – Perspektiven. Tübingen: Narr Francke Attempto Verlag, 2010, S. 256 f.

[19] Zalzal, Zena: Maalouf, Amin: “L’Histoire est un formidable réservoir d’histoires”

L’auteur du “Rocher de Tanios” a été fait à Beyrouth docteur honoris causa à l’AUB. In: l’Orient-le Jour am 04.07.2003, unter: http://www.rjliban.com/ibiblio4.htm (zuletzt abgerufen am 16.08.2017)

[20] Vgl. Kolesch, Doris: Schwarze Haut, weisse Sprachen. Zeitschrift für Literaturwissenschaft und Linguistik; 01.01.1992, S. 16

[21] Vgl. Wa Thiong’O (1987), S. 28

[22] Vgl. ebd. S. 3

[23] O’Reilly, Tom: English as a Foreign Language: Cultural Imperialism, or Economic Resource? 20.02.2015, unter: https://languagedebates.wordpress.com/tag/ngugi-wa-thiongo/ (zuletzt abgerufen am 20.08.2017)

[24] Vgl. Wa Thiong’O (1987), S. 22 f.

[25] Vgl. ebd. S. 28

[26] Vgl. ebd. S.96

[27] Ebd. S.9

[28] Vgl. Bredella (2002) S. 335

[29] Vgl. Sundy, Deborah: Mother Tongue : the use of another language and the impact on identity in Breyten Breytenbach’s Dog Heart and Ngũgĩ wa Thiong’o ‘s Matigari. Submitted in fulfilment of the requirements for the degree of Master of Art at the University of South Africa, 2010, S. 96

[30] Vgl. ebd. S. 97

[31] Wa Thiong’O (1987), S.3

[32] Vgl. ebd. S. 29

[33] Vgl. ebd. S. 8

[34] Darwish, Mahmoud: ‘A Rhyme for the Odes’, in: ‘Unfortunately, It Was Paradise’, selected poems. Translated and edited by Munir Akash and Carolyn Forché (with Sinan Antoon and Amira El-Zein). University of California Press, Berkeley, Los Angeles, London, 2003, S. 91

[35] Mukattash, Eman K.: The Politics of Identity in Mahmoud Darwish’s Absent Presence: A Textual Actof Resistance. In: CS Canada: Studies in Literature and Language Vol. 12, No. 2, 2016, S. 19 f.

[36] Darwish, Mahmoud (zitiert in Khallid, Mahmoud, 2001). Agsous, Sadia: Palestinian Identity in Hybrid Texts in Hebrew. In: Middle East Studies Center, The American University in Cairo, February 2017, S. 3

[37] Wasserstein,David J.: Prince of Poets. September 4, 2012, in The American Scholar. Unter: https://theamericanscholar.org/prince-of-poets/#  (zuetzt abgerufen am 22.08.2017)

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