Leben und Tod des Patrice Lumumba – Wahrnehmung und Rezeption seines antikolonialen Kampfes

von Venceslas Jean-Marie Ayikpe und Oliver Marquart | Sommersemester 2016 | Freie Universität Berlin

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Abstract

Wir haben uns für das Thema „Leben und Tod von Patrice Lumumba“ entschieden, da wir beide in unserer jeweiligen Schullaufbahn, Jean-Marie in Afrika, Oliver in Europa, so gut wie nichts über diesen antikolonialen Vorkämpfer erfahren haben. Dies steht, wie wir bei der Recherche feststellten, in einem krassen Gegensatz zur historischen und politischen Bedeutsamkeit seiner Person sowie der Ereignisse, die sein Leben prägten. Wir denken daher, dass es wichtig ist, dem Thema Lumumba in der Wissenschaft, aber auch darüber hinaus mehr Raum zu geben und dafür zu sorgen, dass dieser Akt des Unsichtbarmachens durchbrochen wird – und dazu wollen wir mit unserer Arbeit einen bescheidenen Beitrag leisten. In diesem Sinne werden wir im Folgenden zunächst sein Leben, sein Wirken und seine Ermordung betrachten, alles unter Berücksichtigung der historischen Umstände. Im zweiten Teil werden wir im Rahmen eines Pro und Contras analysieren, inwieweit der Kampf Lumumbas erfolgreich war. Dabei berücksichtigen wir auch die Frage, wie der Begriff „erfolgreich“ überhaupt definiert wird – und von wem, was unweigerlich zu einer Beschäftigung mit der Rezeption seiner Person und seines Kampfes führt.

  1. Einleitung

Wie andere afrikanische Länder wurde die Demokratische Republik Kongo nach 75 Jahren Kolonisierung im Jahr 1960 unabhängig. Der Weg zur Unabhängigkeit war lang und kostete viele Leben. Einer der Hauptakteure war dabei Patrice Lumumba. Er war der erste freigewählte Ministerpräsident des Kongos, seine Amtszeit betrug nur 81 Tage, vom 23. Juni bis zum 14. September 1960. Er kämpfte für einen vereinten Kongo und ein vereintes Afrika. Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich mit dem Leben Lumumbas, seinem Kampf für einen unabhängigen Kongo, der Rezeption dieses Kampfes und der Frage, ob er damit gescheitert ist oder nicht.

Zunächst stellen wir die Geschichte des Kongos vor, danach beschäftigen wir uns mit der Biographie Lumumbas. Damit haben wir die Grundlagen für eine nähere Betrachtung und wägen im dritten Teil Argumente für und gegen seinen Erfolg ab, unter Berücksichtigung der Rezeption seines Kampfes. Im Fazit unserer Arbeit werden wir unsere Position zum Kampf Lumumbas mitteilen sowie einen Ausblick wagen, was geschehen muss, um ihn und seine Ideen und Taten noch viel sichtbarer zu machen.

  1. Die Geschichte der Demokratischen Republik Kongo

Die Geschichte des Kongos besteht aus drei Phasen: die Vor- und Kolonialzeit, die Entkolonisierung, die nicht von der Biographie Lumumbas zu trennen ist (siehe Kapitel 3 der vorliegenden Arbeit) und die Entwicklung Kongos seit der Unabhängigkeit. Der Ausgangspunkt für die Kolonialisierung im Kongo und überhaupt in Afrika ist die Kongokonferenz. Diese fand auf Wunsch des damaligen belgischen Königs Leopold II. vom 15. November 1884 bis zum 26.Februar 1885 in Berlin statt. Vertreten waren 14 Mächte, darunter Deutschland, die USA, England, Belgien, Frankreich und das Osmanische Reich. Es ist wichtig darauf hinzuweisen, dass keine afrikanische Macht vertreten war. Die beteiligten Mächte unterschrieben die „Kongoakte“[1] und teilten damit Afrika unter sich auf wie einen Kuchen: Jede Macht bekam ihr Stück ab. Der belgische König Leopold II. bekam dabei Kongo als Kolonie zugesprochen und erklärte die Region zu seinem Privateigentum.

Nachdem er den Titel „Souverän des Freistaates Kongos“ angenommen hatte, schickte er seine Armee in das Gebiet. Deren Aufgabe waren es vor allem, die Kongolesen zu zwingen, Kautschuk zu sammeln. Die Vorgehensweise war ausgesprochen brutal: Denjenigen, die nicht genug gesammelt hatten, wurden die Hände abgehackt. Insgesamt ging Léopold II. bei der Ausbeutung Kongos mit brutaler Härte vor. Es sollen ungefähr drei Millionen Menschen[2] dabei zu Tode gekommen sein. Obwohl die Kolonialherren auch in anderen Kolonien ihre Interessen mit äußerster Brutalität verfolgten, gab es internationale Proteste gegen dieses Blutvergießen. Leopold II. hielt sich nicht an die in der Kongoakte vereinbarte Handelsfreiheit und musste zurücktreten. Erst dann wurde der „Freistaat-Kongo“ eine Kolonie der belgischen Regierung und in „Belgisch-Kongo“ umbenannt.

Gegen die Kolonialherrschaft Belgiens führte Patrice Lumumba mit seinen Mitstreitern einen langen, letztlich erfolgreichen Kampf, auf den wir im weiteren Verlauf der Arbeit genauer eingehen werden. Am 30. Juni 1960 wurde Kongo unabhängig, Patrice Lumumba wurde der erste Premierminister und Kasa-Vubu Präsident.

Der dritte Baustein der Geschichte des Kongos ist die Entwicklung seit der Unabhängigkeit. Nach Machtkämpfen zwischen Lumumba und Kasa-Vubu riss Mobutu, der Stabschef der kongolesischen Armee, mit Unterstützung der USA und Belgien schon 1960 in einem ersten Putsch die Macht an sich. Nach einem zweiten im Jahr 1965 regiert er das Land schließlich bis 1996.  Am 18.10.1996 wurde unter der Schirmherrschaft von Ruanda und Uganda die “Allianz Demokratischer Kräfte für die Befreiung Kongos” (AFDL) als ein Zweckbündnis verschiedener Gegnern Mobutus gegründet. Nach einem achtmonatigen Krieg, dem 1. Kongo-Krieg, wurde Mobutus Regime ein Ende gesetzt. Im Mai 1997 wurde Laurent Kabila zum Staatspräsidenten vereidigt. Unter seiner Herrschaft kam es zum 2. Kongo-Krieg, an dem auch Kabilas ehemalige Verbündete Ruanda und Uganda beteiligt waren, da sich Kabila nicht an Abmachungen mit ihnen gehalten hatte. Kabila wurde 2001 ermordet, nach ihm übernahm sein Sohn Joseph die Präsidentschaft, der es jedoch nicht schaffte, den Kongo zu befrieden. Trotzdem ist er bis heute im Amt.

Bis heute leidet der Kongo an den Spätfolgen des Kolonialismus. Laut dem Global Finance Institute zählt das Land zu den 14 ärmsten der Welt[3]. Nicht nur die Nachbarstaaten Uganda und Ruanda, sondern auch europäische Staaten und die USA verfolgen aufgrund der Bodenschätze weiterhin ihre Interessen in der Region.

  1. Leben und Tod Patrice Lumumbas

Patrice Lumumba wird am 2. Juli 1925 in Katakokombe als Élias Okit’Asombo geboren. Seine Schulzeit verbringt er in katholischen und protestantischen Missionarsschulen. Er arbeitet schon früh bei der Post, später auch als Kaufmann für Bier. Als Angehöriger der Bildungselite schreibt er für anti-koloniale, aber auch belgische Zeitungen.

1956 bis 1957 schreibt er das Buch „Congo, my country“[4]. Es schlägt einen eher reformorientierten Ton an, enthält keine radikale Kampfansage an den Kolonialismus, aber eine klare Vision für eine postkoloniale Gesellschaft, die nach seiner Vorstellung sozialistisch geprägt sein sollte.

1958 Lumumba gründet mit anderen das MNC, Mouvement National Congolais, die erste Widerstandsgruppe gegen den Kolonialismus im Kongo, die alle Ethnien des Landes vereinigt. Lumumba wird der Anführer. 1959 hält er eine Rede vor dem Kongress für Freiheit und Kultur in Ibadan/ Nigeria. Die Afrikaner müssten sich gemeinsam vom Kolonialismus befreien. „Das gemeinsame Ziel ist die Befreiung Afrikas vom kolonialistischen Joch. Da unsere Ziele dieselben sind, werden wir sie leichter und schneller durch die Vereinigung erreichen als durch Spaltung.“[5] Die Europäer sollten aber nicht als Feinde, sondern als Brüder und Freunde betrachtet werden, sofern sie anerkennen, dass Afrikaner gleichberechtigt sind und sie nicht weiter ausbeuten. „Die Westtechniker, an die wir die dringende Bitte machen, werden nach Afrika kommen, nicht um uns zu beherrschen, sondern unseren Ländern zu dienen und zu helfen.“[6] Afrika müsse aber auch „psychologisch“ befreit werden, da viele afrikanische Intellektuelle sich „konformistisch“ verhielten. „Dieser Konformismus stammt vom moralischen Druck und den Vergeltungsmaßnahmen, denen schwarze Intellektuelle häufig ausgesetzt sind.“[7]

Im November 1959 wird Lumumba verhaftet, weil er einen antikolonialen Riot in Stanleyville (das heutige Kisangani) angezettelt haben soll, und zu sechs Monaten Gefängnis verurteilt.

Im Januar 1960 muss die belgische Regierung auf Druck der Widerstandsbewegung einem runden Tisch in Brüssel zustimmen, an dem neben dem MNC auch andere Widerstandsgruppen beteiligt sind. Lumumba wird entlassen, um an den Verhandlungen teilzunehmen. Das Ergebnis ist die Unabhängigkeit des Kongos. Allerdings will die belgische Regierung weiterhin an der Macht beteiligt bleiben. Belgiens eigentlicher Plan ist es, den Kongo möglichst schnell in die Unabhängigkeit zu entlassen, damit Chaos ausbricht und die Bevölkerung selbst die Wiedereingliederung ins „Mutterland“ Belgien fordert. Lumumba bedankt sich in seiner Rede bei Belgien für die Zustimmung zur Unabhängigkeit und bittet die Europäer, dem jungen Staat beim Aufbau zu helfen. „Wir wünschen diese Freundschaft aufrechtzuerhalten, frei von allen Formen der Heuchelei.“ [8]Gleichzeitig müsse jeder kleine Rest Kolonialismus beseitigt werden. „[…] die Ausrottung jeder Spur der Kolonialpolitik, namentlich durch die Beseitigung jeder Spur des Rassenurteilsvermögens und der ungerechten Gesetze unter dem Kolonialregime.“[9]

Wahlen gehören auch zur Vereinbarung, diese finden vom 11. bis 25. Mai statt: Der MNC gewinnt die Mehrheit der Sitze, Lumumba wird der erste gewählte Ministerpräsident. Er tritt sein Amt am 23. Juni an.

Am 30. Juni ist der Unabhängigkeitstag des Kongos: Baudouin, der belgische König, hebt in seiner Rede die angeblich guten Aspekte des Kolonialregimes hervor. Man habe dem Land “Fortschritt” gebracht. Präsident Kasa-Vubu widerspricht ihm nicht, sondern bedankt sich bei den Belgiern. Lumumba, der laut Protokoll gar nicht hätte sprechen sollen, ergreift das Wort und stellt klar, die belgischen Kolonialisten hätten den Kongolosen unfassbares Unrecht angetan. Ungerechtigkeit, Unterdrückung und Ausbeutung könnten nicht einfach vergessen werden. „Wir haben unser Land im Namen des angeblichen Rechts beschlagnahmt gesehen, welches nur das Recht der Stärke anerkennt. Wir haben nicht vergessen, dass das Recht niemals dasselbe für den Weißen und den Schwarzen war, dass es mild zu den einen und grausam und inhuman für die anderen war.“[10] Die belgische Delegation ist empört und will sofort abreisen, lässt sich von Kasa-Vubu aber vom Gegenteil überzeugen.

Im Juli intervenieren belgische Truppen offen im Kongo, weil belgische Offiziere eine Meuterei unter den kongolesischen Soldaten provoziert haben. Am 11. Juli erklärt sich zudem die Provinz Katanga, eine der bodenschatzreichsten im Land, für unabhängig. Anführer der Separatisten ist der von belgischen Firmen und dem Militär unterstützte Moise Tschombé. Lumumba bittet die UNO um Unterstützung gegen die belgischen Truppen und zur Erhaltung der Einheit des Kongo. Die UN sendet nach anfänglichem Zögern Truppen, diese entwaffnen aber die kongolesische, nicht die belgische Armee. Die Sowjetunion unterstützt Lumumba. Daraufhin erklären die USA ihn zum Kommunisten, eine Bezeichnung, die er stets zurückwies.

Die Spaltungstaktik Belgien geht auf: Im September entlässt Präsident Kasa-Vubu auf Druck Belgiens Lumumba. Lumumba gewinnt jedoch eine Abstimmung im Parlament und erklärt Kasa-Vubu seinerseits für abgesetzt. Am 14. September kommt es zum Putsch – Oberst Mobutu setzt Kasa-Vubu und Lumumba ab – dieser war damit lediglich 81 Tage lang im Amt. Lumumba wird unter Hausarrest gestellt, kann aber nach Stanleyville fliehen. Am 1. Dezember wird Lumumba erneut gefasst und nach Leopoldsville gebracht, das heutige Kinshasa. Am 17. Januar 1961 schließlich wird Lumumba nach Katanga gebracht, und dort von katangischen und belgischen Soldaten gefoltert und getötet. In einem Brief aus dem Gefängnis an seine Frau kurz vor seiner Ermordung, quasi seinem letzten Willen, äußert er die Überzeugung, dass sein Kampf über seinen Tod hinausgehen werde. „Meinen Söhnen, die ich verlassen musste und vielleicht nicht wiedersehen werde, möchte ich sagen, dass die Zukunft des Kongo großartig ist und dass ich von ihnen, wie von allen Kongolesen, die Erfüllung der ehrwürdigen Aufgabe der Restauration unserer Unabhängigkeit und unserer Souveränität erwarte.“[11] Sowohl die USA als auch Belgien streiten bis heute eine direkte Beteiligung an der Ermordung ab, vieles spricht jedoch dafür, dass beide Regierungen darin verwickelt waren. So spricht der ehemalige CIA-Offizier Lawrence Devlin in seinen Memoiren[12] über die Verwicklung des damaligen US-Botschafters im Kongo, Clare Hayes Timberlake sowie des damaligen UN-Generalsekretärs Hammerskjölds – beide unterstützen Tschombé. Nicht nur die Umstände der Ermordung Lumumbas werden bis heute weitgehend totgeschwiegen. Auch er selbst als Person, seine Ideen und Taten, werden kaum in der seiner Bedeutung angemessenen Weise reflektiert und dargestellt.

  1. War Lumumbas antikolonialer Kampf erfolgreich? Eine Betrachtung der Rezeption

In diesem Teil der Arbeit soll es darum, gehen, anhand der Rezeption Lumumbas zu diskutieren, ob sein Kampf für ein unabhängiges Kongo und gegen den Kolonialismus allgemein letztlich erfolgreich war oder ob er gescheitert ist.

Jean-Baptiste Ndeke sieht Lumumbas Unabhängigkeitskampf als gescheitert an. Er argumentiert in „Patrice Lumumba ou l’exemple d’un héroisme contesté”[13], bis zum Erreichen der Unabhängigkeit Kongos sei Lumumba ein “Nationalheld” gewesen. Ndeke macht dies an seinem Erfolg bei den ersten freien Wahlen 1960 fest. Lumumba habe die ethnischen Grenzen erfolgreich überwunden und es geschafft, den Kongolesen ein Gefühl der nationalen Einheit zu vermitteln. Sein Kampf für die Unabhängigkeit von den belgischen Kolonialisten habe es den Kongolesen ermöglicht, die Fesseln der Kolonialherrschaft abzuschütteln. Nach dem Erreichen der Unabhängigkeit aber habe Lumumba sich „undiszipliniert“ verhalten. Unter anderem kritisiert er, dass Lumumba am Unabhängigkeitstag außerhalb des Protokolls seine gegenüber den Belgiern sehr kritische Rede in Anwesenheit des belgischen Königs gehalten habe. Weiter kritisiert Ndeke, dass Lumumba nach der von Belgien unterstützten Abspaltung der rohstoffreichen Provinz Katanga die diplomatischen Beziehungen zur ehemaligen Kolonialmacht abgebrochen habe. Schließlich verurteilt Ndeke die Entscheidung Lumumbas, Präsident Kasa-Vubu nach dessen Versuch, ihn als Premierminister zu entlassen, für abgesetzt zu erklären.

Ndekes Argumente blieben in ihrer Kritik stark auf Formalitäten beschränkt und berücksichtigen die äußeren Umstände, die Gesamtsituation, in der Lumumba handelte, zu wenig, etwa die Rolle Belgiens und der USA, die Lumumbas Widersache Tschombé unterstützten. Über Erfolg oder Misserfolg sagt Ndeke letzlich wenig aus, er macht ein eventuelles Scheitern Lumumbas ausschließlich an formalen Fragen fest. Dies tut er durchaus unter Rückgriff auf kolonialistische und postkoloniale Diskurse vom „undiszplinierten“ Afrikaner. Anstatt den Mut Lumumbas zu würdigen, bei der Unabhängigkeitsfeier des Kongos die Wahrheit über die Kolonialverbrechen auszusprechen, macht er ihm genau das zum Vorwurf.

Auch Frantz Fanon sieht Lumumbas Kampf als gescheitert an. Im Gegensatz zu Ndeke nennt er in „Lumumba’s death: Could we (Africans) have acted differently?“[14] einen konkreten Grund: Lumumba hätte bei seinem Konflikt mit der abtrünnigen Provinz Katanga niemals auf die Unterstützung oder auch nur die Neutralität der Vereinten Nationen (UNO) hoffen dürfen. Die Vergangenheit habe deutlich gezeigt, dass die UNO niemals ein verlässlicher Partner für von Großmächten bedrängte Länder gewesen sei. Fanon macht dies an den Beispielen Vietnam, Laos und Kamerun fest. Darüber hinaus sieht er das Scheitern Lumumbas aber auch durch die mangelnde Unterstützung anderer afrikanischer Nationen begründet, die ihre Truppen nicht direkt zur Unterstützung in den Kongo geschickt, sondern auch auf die UNO vertraut hätten.

Während der zweite Punkt Fanons durchaus nachvollziehbar ist, bleibt bei seinem ersten Argument die Frage nach möglichen Handlungsalternativen für Lumumba offen. Fanons Kritik lässt Lumumba als naiv erscheinen, allerdings blieben diesem nach vergeblichen Hilfeersuchen bei anderen Staaten kaum praktikable Alternativen. Das Verhalten der anderen afrikanischen Regierungen, das Fanon im zweiten Punkt kritisiert, konnte Lumumba nicht oder nur sehr schwer beeinflussen.

Eine gänzlich andere Position vertritt Aimé Césaire. Er hat die Ereignisse im Kongo, Lumumbas Kampf für Unabhängigkeit und seine Ermordung, in seinem 1967 uraufgeführten Theaterstück „A Season in the Congo“ verarbeitet[15]. Dort beschreibt Césaire Lumumbas Leben als ein „Race to death and failure“, ein unausweichlich auf das Scheitern und den eigenen Tod zulaufende Rennen. Sein Tod (und damit sein Scheitern) werden hier aber transzendiert in einen Sieg: Lumumba ist für Césaire ein Märtyrer, der den eigenen Tod billigend in Kauf nimmt, um damit einem höheren Ziel (der Befreiung ganz Afrikas von allen Folgen des Kolonialismus) zu dienen[16]. Césaire geht es vor allem darum, dem westlichen Narrativ über Lumumba, das sich vor allem in der sehr negativen Berichterstattung belgischer und anderer westlicher Medien ausdrückt, etwas entgegenzusetzen. Während die europäische und US-amerikanische Presse Lumumba als arrogant, überambitioniert, verrückt, sogar als „Satan“ darstellte, will Césaire mit seinem Stück ihn als mutigen, furchtlosen Kämpfer zeigen.

Damit weist Césaire auf ein Problem hin, das auch diese Arbeit betrifft: Die meisten Informationen über Lumumba stammen aus der westlichen, hauptsächlich der belgischen Presse und sind voller Klischees, auch rassistischen, zumindest aber von kolonialem Denken geprägten. Sie geben eine bestimmte Perspektive auf Lumumba und dessen Kampf für Unabhängigkeit wider, die von eigenen Interessen einerseits und Vorurteilen andererseits geprägt ist. Die Frage, ob und wenn ja, woran Lumumba mit seinem Kampf gescheitert ist oder nicht, kann nicht ohne die Frage geklärt werden, wer kontrolliert, wie wir Geschichte und die in ihr handelnde Personen verstehen und wahrnehmen.

Césaire zufolge ist Lumumba ein tragischer Held, der vor allem auf seine rhetorischen Fähigkeiten vertraute. „My only arms are my words, I speak and I awaken, I am not a redresser of wrongs, nor a miracle maker, I am a redresser of life, I speak and I give Africa back to herself!“[17] Césaire ist überzeugt, dass Lumumba nicht nur ein befreites Kongo anstrebte, sondern für die Befreiung aller Kolonien und Ex-Kolonien vom Einfluss europäischer oder anderer Mächte kämpfte und dabei sogar den eigenen Tod billigend in Kauf nahm. In einer Szene seines Stücks erklärt Lumumba seinen Ministern, sie hätten dem Kongo rund um die Uhr zur Verfügung zu stehen, „kein Leben, kein Privatleben“. Folgt man dieser Sichtweise, so ist es für die Beantwortung der Frage, ob Lumumba erfolgreich war oder nicht, nicht nur von Bedeutung, ob er seine direkten Ziele (einen unabhängigen Kongo) durchsetzen konnte oder nicht. Vielmehr kommt es darauf an, ob Lumumbas Leben und Kampf seinen Nachfolgern, die heute für Freiheit und gegen Unterdrückung und Ausbeutung kämpfen, ein Vorbild sein kann. Das aber kann sie nur, wenn das Bild Lumumbas angemessen gezeichnet wird, seine Motive und sein Streben nicht verzerrt oder absichtlich falsch dargestellt werden. Gerade die Wissenschaft kann und muss dazu ihren Beitrag leisten, indem sie die Diskurse über Lumumba weiter verändert und seine Integrität und seinen Einsatz für eine von Unterdrückung und Ausbeutung freie Welt angemessen darstellt.

  1. Fazit

Durch unsere Recherchen zu Patrice Lumumbas Leben und Kampf für einen unabhängigen Kongo kommen wir zu dem Ergebnis, dass es verkürzt wäre, ihn als gescheitert darzustellen. Vielmehr kann sein leidenschaftlicher, mutiger und konsequenter Einsatz für Freiheit und Unabhängigkeit noch heute ein Beispiel für alle sein, die dieselben Ziele verfolgen. In seinen Reden und Schriften wird deutlich, dass er keineswegs, wie die westliche Presse es darzustellen versuchte, ein isolierter Einzelgänger, ein korrupter Egoist oder gar „Verrückter“ war. Im Gegenteil, in seinen Reden und Briefen zeigt er sich als friedliebender, aufopferungsvoller und selbstloser Politiker, der die Interessen der Bevölkerung des Kongos sowie ganz Afrikas vor seine persönlichen stellte – bis hin zu seiner eigenen körperlichen Unversehrtheit und seinem Leben. Das machte ihn zu einem gefährlichen Feind aller Kräfte, die von einer fortdauernden wirtschaftlichen und politischen Abhängigkeit ehemaliger Kolonien profitieren. Dass er nicht nur umgebracht wurde, sondern sein Tod auch zunächst geheim gehalten und sein Leben und Wirken in der Folge in den westlich beherrschten Diskursen recht erfolgreich marginalisiert wurden, ist nicht verwunderlich, wenn man bedenkt, dass in westlichen Diskursen bis heute das Klischee vom machtbesessenen, korrupten afrikanischen Politiker dominiert, der unfähig ist, seine Bevölkerung verantwortungsvoll und gemäß ihren Interessen zu regieren. Ob Lumumba also endgültig scheitert oder sein Kampf letztlich doch erfolgreich sein wird, können nur die Gegenwart und die Zukunft zeigen. Es muss unsere Aufgabe als Wissenschaftler oder Menschen mit Zugang zum akademischen Betrieb sein, zum einen mehr Aufmerksamkeit für Lumumbas Kampf zu schaffen, zum anderen dazu beizutragen, Menschen ohne Zugang zu akademischen Quellen mehr und exaktere Informationen zu Lumumbas Vermächtnis zugänglich zu machen. „Der Tag wird kommen, an dem die Geschichte spricht“, schrieb Lumumba in seinem letzten Brief an seine Frau. „Doch es wird nicht die Geschichte sein, die in Brüssel, Paris, Washington oder den Vereinten Nationen gelehrt wird.“[18]

  1. Literaturverzeichnis

  • Breuer, Patrick. 2012: Patrice Lumumba – Herz Afrikas. Eine Geschichte über den Kongo und die Gewinnung seiner Unabhängigkeit. Mit Reden, Briefen und Interviews des Patrice Emery Lumumba. Asaro Verlag.

 

  • Césaire, Aimé. 2010: A Season in the Congo. London.

 

  • Devlin, Larry. 2007: Chief of station, Congo: a memoir of 1960-67. New York.

 

  • Fanon, Frantz. 1964: Lumumba’s death: Could we (Africans) have acted differently? Verfügbar auf: https://afrolegends.com/2011/05/05/lumumba%E2%80%99s-death-could-we-africans-have-acted-differently/ (zuletzt aufgerufen am 25.07.2016).

 

  • Kanu, Gertrud und Indongo-Imbanda, Iseewanga. (o.J.): Die Geschichte der Demokratischen Republik Kongo. Verfügbar auf http://www.kongo-kinshasa.de/geschichte/geschichte1.php (zuletzt aufgerufen am 25.07.2016).

 

  • Lumumba, Patrice. 1962: Congo, my country. New York.

 

  • Ndeke, Jean-Baptiste. (o.J.): Patrice Lumumba ou l’exemple d’un héroisme contesté. Verfügbar auf http://www.congonline.com/Forum/Ndeke01.htm (zuletzt aufgerufen am 25.07.2016).

 

  • Tolliver, Julie-Françoise. 2014: Césaire/Lumumba: A season of solidarity, Journal of Postcolonial Writing.

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[1] Das Schlussdokument der Berliner Konferenz bildete die Grundlage für die Aufteilung Afrikas in Kolonien im folgenden Wettlauf um Afrika.

[2] Kanu und Indongo-Imbanda. o.J.

[3] Gemessen am Pro-Kopf-BIP, berechnet vom Global Finance Institute

[4] Es erscheint erst nach seinem Tod, 1961

[5] Breuer: Patrice Lumumba – Herz Afrikas. Eine Geschichte über den Kongo und die Gewinnung seiner Unabhängigkeit. S. 16

[6] ebd. S. 21

[7] ebd. S. 23

[8] ebd. S. 29

[9] ebd. S. 31

[10] ebd. S. 35

[11] ebd. S. 11

[12] Devlin, Larry. Chief of station, Congo : a memoir of 1960-67

[13] Ndeke. Patrice Lumumba ou l’exemple d’un héroisme contesté. O.J.

[14] Fanon. Lumumba’s death. 1964

[15] Aimé Césaire. A Season in the Congo. London, 2010.

[16] Tolliver. Césaire/Lumumba: A season of solidarity. 2014.

[17] Breuer, Patrick. 2012. S. 123

[18] Breuer, Patrick. 2012. S. 11

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